Entry 2006 -
Wie werden wir morgen leben?


Wie werden wir morgen leben? In welchen Häusern? Mit welchen Möbeln? Und was ist überhaupt Design? Antworten gab die Entry 2006 zu Perspektiven und Visionen im Design in der umgebauten Kohlenwäsche auf dem UNESCO Weltkulturerbe Zollverein. Die Ausstellung in der Kulturhauptstadt Essen präsentierte in fünf Themenwelten 300 Objekte aus 20 Ländern: innovative Produkte, Materialien und Technologien, Ideen und Experimente für unsere Welt von morgen.

Wir möchten Ihnen hier einen Rückblick bieten auf 100 Tage mit fantastischen Blicken in die Zukunft. Viel Vergnügen!


Inhaltsverzeichnis:
- Weltkulturerbe Zeche
- Leben in der Nische
- Open House - das Haus, das mitdenkt
- Architektur und Technologie für intelligentes wohnen




 
Weltkulturerbe Zeche Zollverein – Rausch des Gigantischen

Wenn vom Strukturwandel des Reviers die Rede ist, rückt als erstes das 55 Meter hohe Doppelbockfördergerüst von Zeche Zollverein ins Bild. „Eiffelturm des Ruhrgebiets“, so wird er genannt – mag das auch irreführend sein, eines macht es deutlich: Wer über Zollverein spricht, der bemüht gern den Superlativ; die grösste, die modernste und die schönste aller Zechen: Zollverein lehrt uns Staunen. […]

 
[…] Als sich die Stahlseile des Förderturms am 1. Februar 1932 erstmals strafften, notierte die Presse ehrfürchtig die Leistungsfähigkeit des industriellen Komplexes: 12000 Tonnen verwertbarer Steinkohle pro Tag, das bedeutete die vierfache Menge der Tagesförderung einer durchschnittlichen Zeche im Revier. In der Kohlenwäsche konnten stündlich 800 Tonnen Rohförderkohle aufbereitet werden.

Eine andere Zahl wurde freilich weniger gern genannt: 1200 Bergleute verloren ihre Arbeit auf den alten Anlagen von Zollverein, als die scheinbar voll automatisierte Zentralschachtanlage XII in Betrieb ging, die ausschliesslich der Kohleförderung diente und vor allem von einem Prinzip kündete: der Rationalisierung. […]

 
Geisterschacht, Vorzeigepütt, scheinbar vollautomatisierte Anlage – was war Zollverein? Bauhausarchitektur oder Industriebarock? Die Zollverein-Architekten Fritz Schupp (1896-1974) und Martin Kremmer (1895-1945) haben den Zechenplatz des 20 Gebäude umfassenden Komplexes wie eine feudale Anlage konzipiert. In der Gesamtwirkung wuchtig, in ihren einzelnen Formen nüchtern bis karg: Die Architekten erhoben Ordnung, Klarheit und Disziplin zum Massstab – und Flexibilität. Die einzelnen Fassadenelemente ihrer Bauten – die Backsteingefache zwischen den Stahlprofilen – waren rasch abnehmbar, wenn es Veränderungen der technischen Abläufe oder Erweiterungen der Gebäude erforderten. Monumentalität und Sachlichkeit – für die Architekten war das kein Widerspruch.

(Quelle: form Special Issue, Entry 2006)

Leben in der Nische

Die Ausstellung Talking Cities – die Mikropolitik des urbanen Raums – thematisierte den Wandel der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. 35 international tätige Architekten-, Künstler- und Designergruppen zeigten Möglichkeiten, sich die Umwelt neu anzueignen. Und boten Vorschläge für künftige Stadtlandschaften, nicht nur im Ruhrgebiet.

Der schwarze Kasten klebt an der Hausmauer wie ein Schwalbennest: Kubisch, kantig, cool. Licht bricht aus der Box hervor, aus Fenstern, die über alle Wände verteilt sind, einschliesslich Dach und Boden. Das
Rucksack House von Stefan Eberstadt veränderte die Sehgewohnheiten der Ausstellungsbesucher. Ein Zusatzraum in luftiger Höhe, der mit dem Haus verbunden ist. […]

 
Kunst, die sich nützlich macht, war lange Zeit der Slogan für Designer, die sich zu Höherem berufen fühlten als zur reinen Zweckform, Eberstadt aber denkt weiter: Seine Kunst besteht in der sozialen Dienstleistung.

[…] Eberstadts Beitrag für
Talking Cities stand stellvertretend für viele Aktionen, die wie Akupunkturnadeln die Stadtlandschaften verändern – durch minimale Eingriffe. Unter dem Motto „Micro-topias – Tuning, Customising, Design-It-Yourself“ – also „kleine Utopien – selbst ist die Frau/selbst ist der Mann“ standen alle Beiträge. Kunst, Design und Architektur können Motoren des Wandels sein, davon zeigte sich Francesca Ferguson, Kuratorin der Ausstellung, überzeugt. […] „Die Ausstellung ist von zwei Hauptpositionen inspiriert“, erklärte sie. „Vom Ort, an dem sie stattfindet, der postindustriellen Landschaft um Essen herum, und von der Stadt in der Stadt – der Zeche Zollverein.“ Es ginge um die „Transformation der Industrieproduktion in ein ganz neues Zeitalter“. Dazu hatte sie 35 Architekten-, Künstler- und Designergruppen ausgewählt, die Möglichkeiten aufzeigten, wie sich Menschen ihre Umwelt neu aneignen: durch kleine Eingriffe, Bauten oder „temporäre Interventionen“. […]

Francesca Ferguson misstraut Masterplänen, glänzender Hightech-Architektur und zentral verordneten Konzepten. Lieber setzt sie auf Wandel von unten, auf Menschen, die zusammen Wandel bewirken. Es geht um den Alltag, um die Stadt um uns herum. […]

Beim Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft tun sich Nischen und Handlungsmöglichkeiten auf. Bauzäune werden zu Sitzplätzen, Häuser zu Pavillons, Kioske zu Treffpunkten. Architekten, Künstler und Designer erarbeiten neue Möglichkeiten für das tägliche Miteinander. Wie Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima vom Atelier
Bow Wow, die mit wunderbaren Kleinstbauten, der so genannten Pet Architecture, ungenutzte Zwischenräume, Ecken und Winkel von Tokyo erschliessen. Sie bilden einen Gegenpol zu perfekten Büromaschinen und kommerzieller Architektur unserer Städte. […] Ein Blick in die Zukunft, die wesentlich vielfältiger, offener und kom-plexer zu werden verspricht. Deshalb fordert Ferguson auch eine Neudefinition des Architekturbegriffs: Architektur als Bild des gebauten Raumes entwickele sich zu einer flexiblen Gattung.

(Quelle: form Special Issue, Entry 2006)

Open House – Das Haus, das mitdenkt


Wie werden oder könnten wir in Zukunft wohnen? Seit den neunziger Jahren laufen die Antworten immer wieder auf dieselbe Vision hinaus: Das elektronisch vernetzte „intelligente“ Haus, in dem clevere Waschmaschinen selbstständig den Wartungsdienst bestellen, sensible Staubsauger vorsichtig Tischbeine umkreisen ohne sie zu beschädigen und aufmerksame Kühlschränke von alleine für die Auf-füllung der Vorräte sorgen. Wer meinte, den medienbekannten Dienstgeistern in Essen leibhaftig begegnen zu können, der irrte allerdings. Mit Bedacht hatten die Kuratoren vom Vitra Design Museum und vom Art Center College Pasadena ihren Beitrag zur Entry 2006 nicht Intelligent Home, sondern Open House genannt.

Als „elektronische Gimmicks“ bezeichneten die Kuratoren Jochen Eisenbrand, Gloria Gerace und Susanne Jaschko die futuristischen Service-Roboter und kritisierten, dass das so genannte intelligente Haus Wohnvisionen auf den automatisierten Haushalt verkürzt – womit wiederum nur ein kleiner Teil der aktuellen Forschungen im Bereich digitaler Technologien, mobiler Kommunikation und neuer Werkstoffe aufgegriffen werde. Fragen nach wahren Wohnbedürfnissen, neuen Grundrissen oder Wohnformen würden da gar nicht erst gestellt.

 
Und noch eine offene Baustelle haben die Ausstellungsmacher auf der Route von der Gegenwart in die Zukunft entdeckt: Bislang gibt es kaum einen interdisziplinären Austausch zwischen Informations- technologie, Materialforschung und Architektur, der zur Entwicklung neuer Wohnkonzepte mit einem ganzheitlichen Ansatz führen könnte. Genau hier schaltete Open House sich ein. Die Ausstellung wollte demonstrieren, „wie neue Technologien unser Wohnen bereichern“ können. Und die Kuratoren gehen davon aus, „dass gerade Architekten und Gestalter gefordert sind, auf die Herausforderung der neuen Entwicklungen mit übergreifenden Ansätzen zu reagieren“. Wobei neue Technologien eben nicht nur in Technologie, sondern auch in Demographie und Wohnbedürfnissen ausgemacht werden. […]

Vier Aspekte bildeten die Koordinaten der Ausstellung: Konnektivität (Vernetzungsfähigkeit), Flexibilität, Wohlbefinden und Nachhaltigkeit. Wobei die Vernetzungsfähigkeit eine Schlüsselrolle spielte – angesichts der rapide wachsenden, lokalen bis globalen elektronischen Vernetzung mit Computer und Mobiltelefon keine Überraschung. Besonders natürlich als Zwillingsbruder der Flexibilität, der die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum und zwischen Wohnen und Arbeiten aufhebt. […]

(Quelle: form Special Issue, Entry 2006)

Gedanken zur Ausstellung Open House:
Architektur und Technologie für intelligentes Wohnen


Alexander von Vegesack, Jochen Eisenbrand •
Vitra Design Museum

Wohnen ist ein populäres Thema, denn es betrifft jeden. Das grosse Interesse daran belegen Dutzende von Zeitschriftentiteln zum Thema
interior design, die jeden Monat am Kiosk ausliegen; das bezeugt das dichte Netz von Baumärkten, das das Land inzwischen flächendeckend überzieht; das unterstreicht auch der derzeitige Erfolg von Fernsehsendungen, in denen sich Leute vor laufender Kamera ihre Wohnungen komplett neu einrichten lassen. […] Aber ob im Fernsehen inszeniert oder nur in der eigenen Imagination verhaftet – solche Wohnträume spielen sich doch meist innerhalb konventioneller architektonischer Rahmenbedingungen ab.

Für die Ausstellung
Open House: Architektur und Technologie für intelligentes Wohnen hat das Vitra Design Museum zusammen mit dem Art Center College of Design, Pasadena, Architekten eingeladen, sich mit der Zukunft des Wohnens auseinanderzusetzen. […] Gewünscht waren keine Fortschreibungen bestehender Wohnverhältnisse, sondern radikale Gedanken- experimente, die losgelöst von ökonomischen Zwängen auf die aktuellen Herausforderungen des demographischen Wandels und des rasanten technischen Fortschritts eingehen. […]

 
Die materiellen und technologischen Voraussetzungen für das Wohnen zu verändern, um damit das Wohnen selbst zu beeinflussen und Wohngewohnheiten aufzubrechen, war und ist ein Anspruch, den innovative Designer und Architekten schon immer an ihre Arbeit gestellt haben. […] Neue Werkstoffe oder die innovative Verwendung und Bearbeitung bereits existierender Materialien spielte schon bei der Arbeit der Designpioniere eine zentrale Rolle.

Bei
Open House sind nun manche der neuen „Materialien“ und Technologien – etwa das Internet, die mobile drahtlose Kommunikation oder neue Sensortechnik – weitaus weniger greifbar. Die Herausforderung an die Architekten des Open House lautete also auch: Wie macht man unsichtbare Mechanismen und Systeme sichtbar, wie gibt man ihnen eine Form, um den Blick und die Diskussion darauf richten zu können? […]

Richard Koshalek •
Art Center College of Design

[…] Das Verhältnis der Menschen zu ihrer Wohnumgebung wandelt sich; sie leben länger und wollen ein Heim, das ihnen mehr Flexibilität bietet. Veränderte Familienstrukturen und neue Lebensmodelle verlangen entsprechenden Wohnraum: alleinerziehende Eltern ebenso wie mehrere Generationen unter einem Dach oder Menschen, die ohne verwandtschaftliche Bindung miteinander leben. Dies gilt es ebenso zu berücksichtigen wie die Rolle der neuen Technologien und der vielfältigen Antriebskräfte des Wandels, darunter Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Kunst und Design. […]

Gerhard Seltmann •
Ausstellungsgesellschaft Zollverein

Die gebaute Umgebung ist der Mittelpunkt unseres Lebens. Wenn wir uns eine ideale, frei gestaltbare Zukunft erträumen, gehört deshalb immer eine Frage dazu: Wie wollen wir morgen wohnen? Und versuchen wir nicht alle, im Laufe des Lebens das Traumbild unserer Wohnung, unseres Hauses wenigstens ein Stück weit zu realisieren? Aber unsere gebaute Umgebung entsteht nicht von ungefähr. Wir selbst sind es, die diese Umgebung gestalten. Wir tragen Verantwortung für ihre Atmosphäre, ihre Nutzbarkeit, ihre Ästhetik. Und darum beschäftigen sich Architekten, Planer und Ingenieure spätestens seit der industriellen Moderne mit der Frage: Wie könnten wir morgen wohnen wollen? […]

 
Eine veränderte Ästhetik und modifizierte Konstruktionen werden nur möglich durch neue Technologien. So wie Stahl, Glas oder Beton zur neuen Architekturen geführt haben, werden in Zukunft Kunststoffe, textile Strukturen und Computertechnik diese Rolle übernehmen. Komplexe Systeme der Niedrigenergietechnologien werden die Zentralheizung ersetzen, so wie diese einst die Feuerstelle verdrängt hat. Open House zeigt neue Materialien - und ihre Anwendungsmöglichkeiten. [.]

(Quelle: Katalog zur Ausstellung Open House: Architektur und Technologie für intelligentes Wohnen)

Bericht als PDF (1'261 KB)